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Christian Schmitz über den BIENE-Wettbewerb in Deutschland

Einer der Hauptredner bei der LiNK_pr2 Abschlussveranstaltung war Christian Schmitz von der Aktion Mensch. Herr Schmitz referierte über den BIENE-Wettbewerb als PR-Instrument zur Web Accessibility in Deutschland. Nachfolgend ein Auszug aus meiner Mitschrift.
Vorab. Wer BIENE nicht kennt, ein kurzer Auszug aus der Selbstbeschreibung:

Der Biene-Award wird für die besten deutschsprachigen barrierefreien Websites verliehen. Die Wettbewerbsbeiträge durchlaufen ein mehrstufiges Verfahren und werden anschließend von einer Jury gekürt. Die erste Stufe bildet ein Vortest, in dem Basisanforderungen der Barrierefreiheit geprüft werden. Wettbewerbsbeiträge, die diese Anforderungen erfüllen, werden anschließend in einem umfassenden Feintest detailliert weiter untersucht. Ein Praxistest mit Betroffenen bildet die letzte Stufe des Verfahrens.

Träger der Aktion Mensch sind sechs Wohlfahrtsverbände und das ZDF.

Einige Projekte der Aktion Mensch:


Laut Schmitz hat die Aktion Mensch die Bedeutung des Internet für behinderte Menschen recht früh erkannt. Denn (so ein Zitat) das Internet ist für viele Behinderte das Tor zur Welt.

Im Jahr 2000 wurde daher das Projekt Einfach für alle (efa) gestartet. 2001/2002 ging man auf die Internet World in Berlin, die von Business-Menschen und Messehostessen bevölkert war. Der Stand der Aktion Mensch war anders, und viele Menschen “stolperten” über den Stand, da sie nicht wußten, was dies hier solle. Man fand Kontakte zu ForscherInnen und Webdesignern.
2001 kam dann eine Broschüre heraus, die 2003 überarbeitet wurde, die nicht die Behinderung in den Mittelpunkt stellte sondern positive Überschriften hatte: Zugänglich ist zukunftsfähig, Einfach an alle denken,…

Man vermittelte der Wirtschaft, dass Menschen mit Behinderung eine interessante Zielgruppe sind, da ein hoher Prozentsatz das Internet nutzt. Barrierefreies Internet ist auch wirtschaftlich interessant, weil
  • es technisch nachhaltig ist
  • es Anbietern auf Dauer Geld spart
  • es die Reichweite erhöht
  • es Angebote ins Internet verlagern hilft
  • es Transaktionen einfacher macht
  • es Arbeitsprozesse unabhängig macht
  • dies zur Reputation des Anbieters beiträgt
Die Aktion Mensch definierte daher ihre Ziele für Barrierefreies Internet mit Öffentlichkeit aufklären, Vernetzung der Akteure und Plattform für Anbieter, Nutzer,… sein.

Dabei hat die Aktion Mensch – laut Schmitz – einen ungewöhnlichen Ansatz. Man vermied, dass man Forderungen für Behinderte in den Mittelpunkt stellt. Im Vordergrund steht, dass ein barrierefreies Internet allen nutzt. Daher auch Broschüren gemacht, die nicht auf den ersten Blick mit Behinderung zu tun haben – und erst beim Lesen sich Anliegen von Menschen mit Behinderung offenbaren.

Wichtig ist immer ein positive Kommunikation! Nie jemanden bloßstellen!

Die frühere Tendenz Websites nur für bestimmte Browser zu optimieren ist für Schmitz das “Rot gepunktete Krawatten” Phänomen. Dies wäre wie ein Händler der nur Menschen mit rotgepunkteten Krawatten bedienen würde. Wahrscheinlich würden die meisten sich nicht neue Krawatten kaufen, sondern ein anderes Geschäft aufsuchen.

BIENE

BIENE besteht seit 2003 Kooperation mit der Stiftung Digitale Chancen.

Das Verfahren war zuerst an die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz BITV angelehnt und später erweitert. Bis 2004 gab es über 100 Kriterien. Mit 2006 wurde das Verfahren verschlankt um den neuen technischen Gegebenheiten gerecht zu werden.

Um die Nutzerperspektive stärker zu betonen wurden auch die Kategorien dem Alltag angepasst. Es gibt nunmehr drei Kategorien in denen Preise vergeben werden.

  • Informations- und kommunikationsangebote
  • Recherche- und Sericeangebote
  • Einkaufs- und Transaktionsangebote

Im Jahr 2003 gab es 170 Einreichungen, 23 kamen in den Feintest und 23 ins Finale.
Im Jahr 2004 gab es 230 Einreichungen, 100 kamen in den Feintest und 23 ins Finale.
Im Jahr 2005 gab es 323 Einreichungen, 110 kamen in den Feintest und 26 ins Finale.
Im Jahr 2006 gab es 376 Einreichungen, 127 kamen in den Feintest und 25 ins Finale.

Bienen wurden vergeben

2003: 1 Goldene, 3 Silberne und 4 Bronzene
2004: 2 Goldene, 5 Silberne und 8 Bronzene
2005: 4 Goldene, 1 Silberne und 7 Bronzene
2006: 3 Goldene, 6 Silberne und 8 Bronzene

Schmitz betonte, dass es trotz der steigenden Zahl an Einreichungen nicht mehr Preise vergeben werden, denn BIENE sucht immer nur die Besten. Zitat: “BIENE ist kein TÜV – wir suchen die Besten”

Wichtig ist dabei die Public Relations Richtung Medien, Barrierefrei-Community und die Politik. So wird z.B. monatlich eine Pressemeldung herausgebracht – vom Start der Einreichungsfrist bis zur Preisvergabe. Denn – so Schmitz – die Medien brauchen die Infos “häppchenweise” (also gut und praktisch aufbereitet). Diese Art der Pressearbeit schlägt sich in vermehrten Presseberichten nieder.

BIENE wurde auch zur Referenz – so präsentierte Schmitz eine Selbstbeschreibung eines Usability-Experten der sich auch auf den BIENE Award als Referenz für dessen Kompetenz berief.

Die selbstgestellte Frage warum man überhaupt seine Website einreichen soll beantwortete Schmitz dahingehend, dass es für Wirtschaftsbetriebe einen Imagegewinn darstellt. Für MitarbeiterInnen die in einer Firma barrierefreies Internet – eventuell gegen den Widerstand der KollegInnenschaft – durchgesetzt haben bedeutet es ein besseres “standing” für deren barrierrefreien Bemühungen. Bei Behörden bedeutet es eine Bestätigung ihres Vorbildcharakters und für Fachleute ist es ein Kontaktmarkt, zu Vernetzung und zum fachlichen Input.

Nebstbei: auch die österreichischen Einreichungen sind von 2003 bis 2006 von 5, 12, 15 auf 20 Projekte gestiegen.

Mit 2007 nimmt sich BIENE ein “Forschungsfreisemester”. Es wird an einer Studie gearbeitet damit BIENE 2008 mit komplett überarbeiteten Kriterien und erweiterten Kaegorien neu starten kann, um die besten barrierefreien Internetangebote zu finden und auszuzeichnen.

Zum Schluss noch eine Anmerkung zum Umfeld des Vortrags. Der Vortrag wurde – wie die gesamte Veranstaltung – von GebärdendolmetscherInnen begleitet. Herr Schmitz verwendete eine Powerpoint-Präsentation und las dabei jede Folie – neben seinen erläuterenden Worten – genau vor. Was Präsentationsprofis sonst eher ablehnen hat dabei durchaus Sinn, da auch blinde oder sehbeeinträchtige TeilnehmerInnen den Inhalt der Folien vermittelt bekommen sollen. Daher sagt Herr Schmitz – wenn er auf die Folien verwies auch “Sie sehen – oder sie hören – …”.
Das mir das besonders auffiell und ich für erwähnenswert halte zeigt mir, dass wohl die größten Barrieren noch immer im Kopf sind. Positiv gesehen: Wir haben aber jeden Tag eine neue Chance, diese auch zu überwinden…

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