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Einfach für Alle: Der Beitrag der Nutzer zur Barrierefreiheit

Workshop

Zur Erinnerung. Ich war bei der Tagung “Einfach für Alle – Konzepte und Zukunftsbilder für ein Barrierefreies Internet”, die am 6. Mai 2008 in Gelsenkirchen, Deutschland, statt fand.



Vormittags besuchte ich den Workshop 5 mit dem Titel “Der Beitrag der Nutzer zur Barrierefreiheit – Wer macht kollaborative Webseiten barrierefrei”. Erste Aktion war den Titel etwas einfacher zu gestalten und das Wort “kollaborativ” durch “Mitmach-” zu ersetzen.

Der Workshop bestand aus Kurzstatements vom Podium (Michael Jendryschik, Maria Krüger, Nicole Weißkopf, Moderation: Elke Wetzig) sowie Beiträgen der TeilnehmerInnen. Die Workshops sind alsbald als Video von der Tagungswebsite abrufbar. Ich schreibe im Folgenden nur ein paar Ideen und Gedanken nieder, die ich während der Diskussion „aufgeschnappt“ habe.

Aufgrund der Besetzung des Podiums war – trotz der Themenbreite – hauptsächlich Wikipedia im Visier der Statements.

Der Vorteil von Wikipedia ist auch ihr Nachteil. Es gibt laut Frau Krüger (Wikipedia-Projektgruppe Barrierefreiheit) keine zentrale Steuerung, die einfach so Barrierefreiheit verordnen könne. Noch dazu stossen kleinste Veränderungen auf den Widerstand bei den RedakteurInnen. Viele von Ihnen hätten ihre speziell angepassten Werkzeuge und Templates um ihre Beiträge besser und schneller zu redigieren. Kleine Änderungen, wie den „bearbeiten“ Link näher an den jeweiligen Absatz ranzuziehen, sorgen für Ärger, da dies zum Beispiel vorgefertigte Templates zerschiesst.
Laut Krüger besteht daher die Frage, ob man hinsichtlich Barrierefreiheit auf eine Entwicklung der kleinen Schritte setzt oder gleich einen größeren Relaunch wagt.

Aus dem Publikum kam die Forderung, dass Systeme den/die BenutzerIn besser unterstützten müssten. AutorInnen dürfen nicht noch zu ExpertInnen in Sachen Barrierefreiheit werden müssen. Beispiel für eine Assistenz wäre die bei einem Bildupload verpflichtende Eingabe eines Alternativtextes. Andere lehnten dies ab, da es dann auch zu Unsinnstexteingaben etc. kommen könnte. Ein Alternativvorschlag war, dass die eigenständige Bearbeitung der Bildbeschreibungen durch andere AutorInnen möglich sein sollte.

Ein erster Schritt wären auch bessere Skins, die mehr auf Barrierefreiheit bedacht nehmen würden.

Gebärdensprache

Die Frage der Einbindung von Gebärdensprachvideos wurde mehrfach angesprochen. Weißkopf (CHIP Online Deafhood Blog) wies auf die englische Software „Say it Sign it“ hin, die einen virtuellen Gebärdendolmetsch anbietet. Von anderen Gehörlosen habe ich aber auch schon sehr ablehnende Worte zu solchen Avataren gehört, da diese einfach zu “gefühllos” wären um die Gebärdensprache mit Leben zu erfüllen.

Andererseits ist eine automatische Umsetzung von Inhalten in multimodaler Form für die Wikipedia eventuell der einzige Weg alle Inhalte jeweils aktuell zu halten. Denn manche Artikel ändern sich täglich, hier kommt wohl kaum ein Gebärdensprachvideo nach.

Für die Deutsche Gebärdensprache sind angeblich Avatarsyteme in Entwicklung. Bei der BBC in Großbritannien gibt es Erfahrungswerte bzw. bestehende Systeme. Laut einem Teilnehmer ist jedoch ein Transfer schwierig, da sich die englische und die deutsche Gebärdensprache massiv unterscheiden. Auch dieser Teilnehmer hielt Avatare für suboptimal aber für Systeme wie Wikipedia als einzige Chance breitflächig Gebärdenvideos anzubieten.

Wetzig (Wikimedia – Gesellschaft für freies Wissen e.V.) wies darauf hin, dass insbesondere die Ressourcen von Wikipedia endenwollend sind. So gibt es weltweit nur rund 10 Hauptentwickler für Mediawiki (der Wiki-Software auf der Wikipedia läuft).

Texten – oder verständliche Sprache

Kontrovers wurde die Qualität der Texte und insbesondere ihre Verständlichkeit diskutiert. Bei vielen Texten sei ein hohes Sprachniveau gefragt. Der Wunsch wurde geäußert, dass zumindest die jeweiligen Einleitungen leicht verständlich geschrieben werden sollten.
Die Frage bleibt, was eigentlich die Motivation der AutorInnen ist in der Wikipedia zu schreiben. Wie kann man diese noch zusätzlich motivieren, Artikel barrierefrei zu gestalten, sie in eine leicht verständliche Sprache umzuschreiben.

Krüger stellte kurz Simple English Wikipedia vor. Ziel ist es Wikipediatexte in leicht verständlicher Sprache anzubieten. Es zeigt sich jedoch, dass nur wenige an dem Projekt mitarbeiten und daher die Anzahl der Artikel noch recht gering ist. Dies zeigt auch der Vergleich von rund 28.000 Artikeln in Simple English zu mehr als 2,3 Millionen Artikeln in der englischsprachigen Wikipedia.

Eine Trennung der Texte wurde von etlichen TeilnehmerInnen nicht begrüßt. Lieber sollten mehrere Textvarianten auf einer Seite angeboten werden.

Dem Hinweis, dass es europaweite Kriterien für einfache Sprache/Textgestaltung gäbe muss ich noch nachgehen.

Interessant war die Wortmeldung, dass Texte für das Web wie Radiotexte geschrieben werden sollten. Das Radio wird nebenbei konsumiert (beim autofahren, bloggen,..) und muss trotzdem verständlich sein. Auch Websites werden (angeblich?) nicht so aufmerksam gelesen und sollten daher wie das Radio darauf Rücksicht nehmen. Mir stellte sich gleich die Frage, ob z.B. die Menschen aus den Freien Radios die besseren BlogtextschreiberInnen wären. Habt ihr Antworten dazu?

Entschleunigung

Plädiert wurde auch für eine Entschleunigung der Wikipedia. Seit dem Jahr 2001 wurden 245.000 Artikel verfasst. Es sollte wieder mehr Verständnis für halbfertige Artikel geben, für Versuche in leichter Sprache, die ich erst entwickeln müssen.

Erst durch die Wortmeldung von Michael Stenitzer (Wienfluss) wurde ich darauf aufmerksam, dass es einen Wikipedia Stammtisch in Wien gibt (siehe Eintrag in der Wikipedia vom Jänner 2008), der von Michael Stenitzer organisiert wird. Tja, nach Gelsenkirchen muss man dafür fahren ;-)

Wichtig ist sicherlich der Wunsch, dass Barrierefreiheit nicht nur eine Verpflichtung sein soll, sondern, dass diese ein Qualitätskriterium für gute Websites werden sollte.

Eine der Schlussfragen ist sicherlich bedeutend. Die Barrierefreiheit hinkt immer wieder den aktuellen Entwicklungen hinterher. Wie kann man nun aktiv diejenigen sensibilisieren, die die jeweiligen Trends setzen und somit den Gedanken auf Barrierefreiheit schon von Beginn an miteinbeziehen könnten?

Viele Themen blieben ausgespart. Die Konzentration auf Wikipedia lies vieles andere ungesagt. Aber in zwei Stunden ist wohl auch kaum mehr möglich.

In Bälde folgt mein Bericht “Einfach für Alle: Wie verändert das Web 2.0 die Gesellschaft“.

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