David Neuber fragt mich:

Ist Mobilität ein Menschenrecht?

Ich bin kein Menschenrechtsexperte. Aber das ist ein guter Grund sich mal schlau zu machen. So finde ich im „Protokoll Nr. 4 zur Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten, durch das gewisse Rechte und Freiheiten gewährleistet werden, die nicht bereits in der Konvention oder im ersten Zusatzprotokoll enthalten sind, Straßburg, 16.IX.1963“ unter anderem im Artikel 2:

Jede Person, die sich rechtmäßig im Hoheitsgebiet eines Staates aufhält, hat das Recht, sich dort frei zu bewegen und ihren Wohnsitz frei zu wählen.

und

Jeder Person steht es frei, jedes Land, einschließlich des eigenen, zu verlassen.

Das nenne ich wohl ein Recht auf Mobilität.

Aber die Frage ist dabei vielleicht zu einfach beantwortet. Was ist denn Mobilität überhaupt?

Schon die Wikipedia schickt mich mal zu einer Mobilität (Begriffsklärung). Da gibt es eine räumliche Mobilität, eine soziale Mobilität. Zumindest umgangssprachlich reden wir oft auch von einer geistigen Mobilität.

Gerade jetzt, in Zeiten von Corona, einer Zeit von Ausgangsbeschränkungen lernen viele erst den Wert von Mobilität schätzen. Sie wollen raus, sie wollen sich bewegen. Menschen wollen Urlaub machen, sie wollen reisen und vieles mehr.

Gleichzeitig gibt es auch bei Grundrechten die Möglichkeiten eines Eingriffs - wenn z.B. ein höheres Gut bedroht ist. Da kommt dann der Klimaschutz ins Spiel. Auch hier haben wir diskutiert, ob und wie man die Mobilität von Menschen einschränken darf. Autos verbieten? Flugreisen massiv besteuern?

Das Gegenteil von Mobilität ist Immobilität. In der Form ein abschreckendes Wort. Das will keineR. Denn Mobilität hat auch mit Autonomie zu tun. Ich kann frei wählen, wohin ich will und ich komme auch mit eigenen Mitteln dorthin.

Aber allein daran scheitern dann wieder viele, weil Reisen Geld kostet, weil der Bus nicht in der Nacht von der Disco nach Hause fährt und keineR sich ein Taxi geschweige denn ein Auto leisten kann.

Mobil zu sein wäre für mich als erstes nicht ein Menschenrecht. Mobil sein zu können und zu wollen ist einerseits eine gesellschaftliche Frage und es ist eine Frage der Erziehung und der Bildung. Man muss zuerst im Kopf mobil sein um sich dann auch in Tat, Wort und Werken (um es mal so pathetisch zu sagen) mobil zu werden.

Ich merke, dass ich in der Frage immer zwischen Polen wandle. Dort wo Mobilität positiv betrachtet wird, hat sie ihre Schattenseiten. Und jedeR wird wohl seine Form von Mobilität anders betrachten. Frag mal AutofahrerInnen, FußgängerInnen und RadfahrerInnen nach Grenzen der Mobilität - bei sich und insbesondere bei den anderen.

Wir diskutieren auch darüber, ob Menschenrechte auch online gelten. Denn Mobilität - und das sehen wir gerade jetzt bei den Ausgangsbeschränkungen - ist oft nur mehr im Internet möglich. Andere Menschen per Videokonferenz besuchen, Geschäfte in Webshops aufsuchen, andere Länder auf der Online Map besuchen, … und noch viel mehr. Das Internet erweitert jetzt und auch sonst unseren Aktionsradius um ein vielfaches.

Ist Mobilität ein Menschenrecht? Wenn es keines wäre, müsste es eines sein. Denn Mobilität ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen.


Fußnote:

In meinem Beitrag 10 Fragen 10 Antworten 2020 habe ich zu einer kleinen Aktion aufgerufen:

Stellt mir über die Kommentarfunktion, per Twitter, per Facebook,… Fragen. Egal welche. Zumindest die ersten 10 (von 10 unterschiedlichen Personen) werde ich auf alle Fälle beantworten. Ganz sicher. Und wenn sie zu persönlich sind (die Fragen) finde ich schon einen Weg für eine etwas andere Antwort ;) Wobei natürlich Fragen zu diesem Blog, zu Serendipity, zu meinem Webleben, … ebenfalls möglich sind.

Warum ich so eine Aktion starte? Ich bin einfach neugierig, ob und welche Fragen so auftauchen. Also, überrascht mich.

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4 Kommentare

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  • David+Neuber  

    Lieber Robert! Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast mir so ausführlich zu antworten. Ich kann da viel mitnehmen und hat mich weiter gebracht, auch wenn es natürlich nicht des Rätsels Lösung ist (vielleicht gibt es die garnicht). Du hast natürlich vollkommen Recht, dass Mobilität etwas mit Privilegien zu tun hat. Ich finde es gerade sehr spannend, wie sich die Zugänge verschieben. Im Sinne der Klimakrise waren wir als Menschen des globalen Nordens in Vor-Corona-Zeiten zu viel unterwegs, besonders durch die Luft. Jetzt gibt es mehr oder weniger globale Ausgangsbeschränkungen und es ist kaum jemand ist mehr unterwegs. Des Weiteren, gibt es neben der Diskussion um die Wir-fliegen-zu-viel-Mobilität auch Themen wie Pendler*innenpauschale, Modal-Spilt, Zersiedelung oder Zumutbarkeit beim Anfahrtsweg zur Arbeit, die sich um das Thema Mobilität im Alltag drehen.

    Ich bin dir sehr Dankbar fürs Einbringen der Immobilität aus Kontrapunkt, dessen Vorstellung auch bei mir sofortige Beklemmung auslöst. Spannend.

    Alles Liebe, David

    PS: Dass du eine Abgewandelte Version des Schuldbekenntnisses eingeflochten hast, ist auch nicht ganz unpassend ;)!

    • Robert Lender  

      Lieber David, freut mich wenn du aus meinen Textsplittern irgendwas mitnehmen konntest. Mich hat ein Rechtsexperte angeschrieben, dass man hier konkurrierende Grundrechte noch viel stärker beachten müsste. Ich bin leider dazu kein Experte. Wäre auch eine interessante Frage.

      Zu deinem PS. Das war mir gar nicht bewusst und ich finde die Stelle nicht. Kannst du mir sagen, welche du meinst. Ich stehe jetzt wirklich auf der Leitung :-)

      • David Neuber  

        Lieber Robert! Ich finde es super, dass du dich einem Thema angenommen und drüber getraut hast, wo du keine ausgewiesene Expertise hast. Super. Guter Einwand klarerweise, dass es eine Gewichtung der Grundrechte gibt und sie auch notwendig ist!

        Deine Stelle: "Man muss zuerst im Kopf mobil sein um sich dann auch in Tat, Wort und Werken (um es mal so pathetisch zu sagen) mobil zu werden."

        Aus dem Schuldbekenntnis: "[…] ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld."

        :)

  • Robert Lender  

    Lieber David, das ist ja gerade das spannende an "10 Fragen 10 Antworten". Ich bekomme dann doch immer wieder Fragen, mit denen ich mich noch wenig bis gar nicht auseinander gesetzt habe. Und dann lerne ich was dazu, schaue mich ein wenig um.

    Natürlich werde ich kein Experte. Aber ich glaube bei den Antworten geht es ja nicht darum eine wissenschaftliche Arbeit abzugeben ;-)

    Ich mache das bei Barcamps auch gerne. Dann setze ich mich zumindest in eine Session mit derem Thema ich so gar nichts anfangen kann. Und bin dann immer wieder überrascht, dass ich etwas dazu gelernt habe. Dass ich zumindest jetzt weiß, dass es diese Themen gibt oder dass eine Facette mitnehmen konnte, die ich durchaus brauchen kann.

    Danke für die Aufklärung zum Schuldbekenntnis. Mein letztes ist schon sehr lange her :-) Aber irgendwo tief drinnen dürfte es dann bei dem Text doch mitgewirkt haben.

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